
Trotz medialer Kontroversen ist der wissenschaftliche Konsens über das Risikoprofil von E-Zigaretten im Vergleich zu Tabak erstaunlich klar: Die Schadensreduktion ist signifikant.
- Der oft zitierte Wert von „95 % weniger schädlich“ basiert auf dem fundamentalen Unterschied zwischen der Verbrennung von Tabak und der Verdampfung von E-Liquid.
- Großangelegte Studien belegen, dass E-Zigaretten bei der Raucherentwöhnung wirksamer sind als traditionelle Nikotinersatztherapien wie Pflaster oder Kaugummis.
Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Entscheidung nicht als Wahl zwischen „perfekter Gesundheit“ und „Rauchen“, sondern auf einem Risikokontinuum. Für einen Raucher, der nicht aufhören kann, stellt der Umstieg auf die E-Zigarette eine wissenschaftlich belegte Strategie zur Schadensminderung (Harm Reduction) dar.
Sie sind Raucher, denken über einen Wechsel zur E-Zigarette nach, aber die Flut an widersprüchlichen Schlagzeilen verwirrt Sie? Sie sind nicht allein. Die einen preisen die E-Zigarette als Wundermittel zur Raucherentwöhnung, die anderen warnen vor einer neuen „Nikotin-Epidemie“ bei Jugendlichen. Besonders in Deutschland scheinen die Fronten verhärtet, und für den Konsumenten wird es fast unmöglich, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Die ständigen Verweise auf fehlende Langzeitstudien und potenzielle Risiken schaffen ein Klima der Unsicherheit, das viele Raucher davon abhält, eine potenziell lebensverändernde Entscheidung zu treffen.
Doch was, wenn die Antwort nicht in Meinungen, sondern in fundamentaler Chemie und robuster wissenschaftlicher Evidenz liegt? Als Toxikologe, der sich auf die Erforschung von Tabak- und Dampfprodukten spezialisiert hat, ist es mein Ziel, die Nebelwand aus Halbwahrheiten und Panikmache zu durchdringen. Dieser Artikel kompiliert nicht einfach nur Schlagzeilen. Er taucht tief in die Studienlage ein, um das *Warum* hinter den Zahlen zu erklären. Wir werden das toxikologische Prinzip von Verbrennung versus Verdampfung analysieren, die Effektivität im Rauchstopp vergleichen und das Konzept der Schadensminderung (Harm Reduction) als realistische Public-Health-Strategie beleuchten.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob E-Zigaretten absolut harmlos sind – das ist kein Produkt, das Nikotin enthält. Die entscheidende Frage für einen Raucher lautet: Sind sie *erheblich weniger schädlich* als die tödlichste Konsumform von Nikotin, die Tabakzigarette? Die Wissenschaft liefert hierzu eine klare Antwort. Dieser Artikel wird Sie befähigen, diese Antwort zu verstehen und sie für Ihre persönliche Gesundheit zu nutzen.
Um Ihnen eine strukturierte und faktenbasierte Übersicht zu geben, analysiert dieser Beitrag die zentralen wissenschaftlichen Erkenntnisse Schritt für Schritt. Wir werden die am häufigsten diskutierten Fragen aufgreifen und sie auf Basis der aktuellen Studienlage beantworten.
Inhaltsverzeichnis: Der wissenschaftliche Faktencheck zur E-Zigarette
- Warum Public Health England E-Zigaretten als 95% weniger schädlich einstuft?
- Wie sich 7000 Chemikalien in Tabakrauch vs. unter 20 in Dampf verhalten?
- E-Zigarette vs. Nikotinpflaster vs. sofortiger Stopp: Welche Methode nach 2 Jahren?
- Der Mythos vom Gateway-Effekt: Was zeigen 10 Jahre Daten aus UK wirklich?
- Harm Reduction vs. komplette Abstinenz: Welches Ziel ist realistischer für Sie?
- Der Irrtum, dass E-Zigarette genauso schädlich ist wie Tabak: Was die Studien zeigen?
- Wie sich 7000 Chemikalien in Tabakrauch vs. unter 20 in Dampf verhalten?
- Wie Sie in 30 Tagen sanft von Zigaretten auf E-Zigarette umsteigen: Der Phasenplan?
Warum Public Health England E-Zigaretten als 95% weniger schädlich einstuft?
Die Zahl „95 % weniger schädlich“ ist wohl die bekannteste, aber auch am häufigsten missverstandene Aussage im Kontext der E-Zigarette. Sie stammt ursprünglich aus einem umfassenden Bericht der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) aus dem Jahr 2015, der seither in jährlichen Updates bestätigt wurde. Als Toxikologe ist es wichtig zu betonen: Diese Zahl ist keine willkürliche Schätzung, sondern das Ergebnis einer systematischen Analyse der im Dampf und im Rauch enthaltenen Schadstoffe. Sie bedeutet nicht, dass E-Zigaretten zu 95 % sicher sind, sondern dass das Risiko im Vergleich zum fortgesetzten Rauchen von Tabakzigaretten um mindestens 95 % reduziert wird.
Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist das Fehlen der Verbrennung. Tabakrauch enthält Tausende von Chemikalien, von denen mindestens 70 als krebserregend bekannt sind. Diese entstehen durch die hohen Temperaturen beim Verglühen des Tabaks. E-Zigaretten erhitzen eine Flüssigkeit (E-Liquid) nur bis zum Siedepunkt, wodurch ein Aerosol (Dampf) entsteht. Dieser Prozess vermeidet die Bildung der gefährlichsten Verbrennungsprodukte wie Teer und Kohlenmonoxid. Der Bericht von PHE, der in Zusammenarbeit mit führenden Institutionen wie Cancer Research UK entstand, kommt zu dem Schluss, dass die meisten im Dampf nachgewiesenen Chemikalien in Konzentrationen vorliegen, die wahrscheinlich kein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen.
In Deutschland wird diese Einschätzung oft kritisch gesehen. So warnen Institutionen wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) vor allem vor der Beliebtheit von Einweg-E-Zigaretten bei Jugendlichen und dem Risiko einer Nikotinabhängigkeit. Während der Jugendschutz ein entscheidendes und separates Thema ist, das strenge Regulierung erfordert, ändert er nichts an der toxikologischen Bewertung für einen erwachsenen Raucher. Für diese Zielgruppe bleibt die Kernaussage der britischen Studie, dass E-Zigaretten um 95 % weniger schädlich als Tabakzigaretten sind, eine valide Grundlage für eine Entscheidung zur Schadensminderung.
Wie sich 7000 Chemikalien in Tabakrauch vs. unter 20 in Dampf verhalten?
Der dramatische Unterschied in der Anzahl der Chemikalien – etwa 7.000 im Tabakrauch gegenüber einer sehr geringen zweistelligen Zahl im E-Zigaretten-Dampf – ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge fundamentaler physikalischer und chemischer Prozesse. Der Schlüsselbegriff lautet: Verbrennungstemperatur. Eine brennende Zigarette erreicht an der Spitze Temperaturen von bis zu 1100°C. Diese extreme Hitze zersetzt den Tabak, die Zusatzstoffe und das Papier in einem Prozess namens Pyrolyse und erzeugt ein hochkomplexes Gemisch aus festen und gasförmigen Partikeln – den Rauch.
Im Gegensatz dazu funktioniert eine E-Zigarette durch Verdampfung. Die Heizwendel (Coil) erhitzt das E-Liquid auf eine deutlich niedrigere Temperatur, in der Regel unter 300°C. Diese Temperatur reicht aus, um die Hauptbestandteile der Flüssigkeit – Propylenglykol, pflanzliches Glyzerin, Nikotin und Aromen – in einen gasförmigen Zustand zu überführen, der beim Abkühlen zu einem sichtbaren Aerosol kondensiert. Eine chemische Neuzusammensetzung im großen Stil findet nicht statt. Eine wissenschaftliche Analyse der Verbrennungstemperaturen zeigt, dass genau dieser Unterschied für das drastisch reduzierte Risikoprofil verantwortlich ist.
Die visuelle Darstellung der chemischen Komplexität macht diesen Unterschied noch deutlicher. Während Tabakrauch eine dichte, teerhaltige Suspension ist, erscheint E-Zigaretten-Dampf als vergleichsweise sauberes Aerosol.

Diese mikroskopische Perspektive verdeutlicht, warum die toxikologische Bewertung so unterschiedlich ausfällt. Es geht nicht nur um die Anzahl der Chemikalien, sondern auch um deren Art. Die gefährlichsten Stoffe im Tabakrauch, wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) oder tabakspezifische Nitrosamine (TSNA), sind entweder im E-Zigaretten-Dampf gar nicht oder nur in Spuren vorhanden, die um Größenordnungen unter den Werten im Rauch liegen.
E-Zigarette vs. Nikotinpflaster vs. sofortiger Stopp: Welche Methode nach 2 Jahren?
Für einen Raucher ist das ultimative Ziel oft der vollständige Rauchstopp. Die Frage ist: Welcher Weg ist der erfolgreichste? Während der „kalte Entzug“ (sofortiger Stopp ohne Hilfsmittel) oft als Ideal angesehen wird, sind seine Erfolgsquoten notorisch niedrig. Traditionelle Nikotinersatztherapien (NET) wie Pflaster, Kaugummis oder Sprays sind seit Jahrzehnten der medizinische Goldstandard. Doch wie schneidet die E-Zigarette im direkten Vergleich ab?
Die Antwort aus der Wissenschaft ist zunehmend eindeutig. Eine der maßgeblichsten Analysen stammt von der renommierten Cochrane Collaboration, die für ihre rigorosen systematischen Reviews bekannt ist. Ihr im Jahr 2020 veröffentlichter Review, der dutzende Studien zusammenfasst, kam zu einem klaren Ergebnis: Nikotinhaltige E-Zigaretten sind beim Rauchstopp effektiver als traditionelle NET. Konkret stellte die Analyse fest, dass E-Zigaretten um etwa 70 % wirksamer als Nikotinersatzprodukte sind, wenn es darum geht, Menschen dabei zu helfen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Dieser Befund wird durch Daten aus der Praxis gestützt. Die deutsche DEBRA-Studie, eine regelmäßige Befragung zum Rauchverhalten, zeigt, dass die E-Zigarette mittlerweile die am häufigsten genutzte einzelne Methode zur Unterstützung eines Rauchstoppversuchs ist. In der Erhebung gaben 10,2 Prozent derjenigen, die einen Rauchstopp versuchten, an, die E-Zigarette als Hilfe genutzt zu haben. Der Grund für die höhere Effektivität liegt wahrscheinlich in der Kombination aus Nikotinsättigung und der Nachahmung des Rauchrituals (Hand-zu-Mund-Bewegung, Inhalation, sichtbarer „Rauch“), was vielen Rauchern den Übergang erleichtert.
Der Mythos vom Gateway-Effekt: Was zeigen 10 Jahre Daten aus UK wirklich?
Eines der hartnäckigsten Argumente gegen E-Zigaretten ist die sogenannte „Gateway-Hypothese“. Sie besagt, dass der Konsum von E-Zigaretten, insbesondere durch Jugendliche, die nie geraucht haben, als Einstiegstor zum späteren Rauchen von Tabakzigaretten dient. Diese Sorge ist der Hauptgrund für die restriktive Haltung vieler Gesundheitsorganisationen in Deutschland. Doch was sagt die wissenschaftliche Evidenz nach mehr als einem Jahrzehnt Markterfahrung, insbesondere in Ländern mit einer hohen Verbreitung von E-Zigaretten wie dem Vereinigten Königreich?
Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Während es eine Korrelation gibt – Jugendliche, die E-Zigaretten ausprobieren, probieren auch eher Tabakzigaretten – ist eine Korrelation keine Kausalität. Oft liegt eine gemeinsame Anfälligkeit für riskantes Verhalten zugrunde. Entscheidend ist, ob E-Zigaretten tatsächlich Nichtraucher zum regelmäßigen Rauchen verleiten. Eine umfassende Studie des University College London aus dem Jahr 2020 ergab, dass von den Jugendlichen, die E-Zigaretten ausprobierten, aber zuvor nie geraucht hatten, weniger als 1 % der Jugendlichen zu regelmäßigen Rauchern wurden. Dieser Befund widerspricht der Vorstellung eines starken Gateway-Effekts massiv. Gleichzeitig sind die Raucherquoten bei Jugendlichen in Ländern wie Großbritannien und den USA auf historische Tiefststände gefallen, während die Nutzung von E-Zigaretten zunahm – das Gegenteil von dem, was man bei einem starken Gateway-Effekt erwarten würde.
Selbst in Deutschland ist die Evidenzlage dünn, wie Experten anerkennen. Der Alternative Drogen- und Suchtbericht von 2019 fasst den Stand der Forschung treffend zusammen:
Insgesamt könnten Aussagen zu Kausalzusammenhängen im Allgemeinen und zur Gateway-Hypothese im Besonderen auf Grundlage der bis dato aktuellen Studienlage nicht getroffen werden.
– Alternativer Drogenbericht, Alternativer Drogenbericht 2019

Die Daten deuten eher darauf hin, dass die E-Zigarette für Jugendliche, die ohnehin mit dem Rauchen experimentieren würden, eine weniger schädliche Alternative darstellt und somit eher als „Ausstiegstor“ vom Tabakmarkt fungiert. Die Angst vor einem massenhaften Übergang zum Rauchen hat sich in 10 Jahren nicht bewahrheitet.
Harm Reduction vs. komplette Abstinenz: Welches Ziel ist realistischer für Sie?
Die Debatte um die E-Zigarette ist oft von einer polarisierenden „Alles-oder-Nichts“-Mentalität geprägt. Das Ideal ist die komplette Abstinenz von Tabak und Nikotin. Doch die Realität für Millionen von Rauchern sieht anders aus. Viele haben zahlreiche erfolglose Versuche hinter sich und schaffen den vollständigen Ausstieg nicht. Hier kommt das Konzept der Schadensminderung (Harm Reduction) ins Spiel, eine pragmatische Public-Health-Philosophie, die im Zentrum der britischen Tabakpolitik steht.
Die Idee ist einfach: Wenn ein schädliches Verhalten nicht vollständig eliminiert werden kann, sollte man darauf abzielen, den Schaden so weit wie möglich zu reduzieren. Niemand würde einem Heroinabhängigen eine saubere Spritze verweigern, nur weil Abstinenz die beste Lösung wäre. Analog dazu ist es für einen Raucher, der nicht aufhören kann, rational, auf ein Produkt umzusteigen, das das Nikotin liefert, nach dem er süchtig ist, aber ohne die Tausenden von Giftstoffen aus der Verbrennung. Die E-Zigarette ist das prominenteste Beispiel für Harm Reduction im Tabakbereich. Das Konzept basiert auf dem wissenschaftlichen Konsens, dass Nikotin zwar süchtig macht, aber nicht die Hauptursache für die tabakbedingten Krankheiten ist. Das ist der Rauch.
Eine Schweizer Studie zur Tabakentwöhnung illustriert dieses Prinzip perfekt. Nach sechs Monaten waren in der Gruppe, die E-Zigaretten nutzte, deutlich mehr Teilnehmer rauchfrei (59,6 %) als in der Kontrollgruppe (38,5 %). Allerdings waren sie nicht unbedingt nikotinfrei. Dies zeigt, dass die E-Zigarette primär ein Werkzeug ist, um den weitaus schädlicheren Tabakrauch zu eliminieren, auch wenn die Nikotinabhängigkeit zunächst bestehen bleibt. Für die Gesundheit des Nutzers ist dies ein gewaltiger Gewinn. Es geht darum, das größte Übel – die Verbrennung – aus der Gleichung zu nehmen.
Der Irrtum, dass E-Zigarette genauso schädlich ist wie Tabak: Was die Studien zeigen?
Eine der größten Hürden für umstiegswillige Raucher ist die weit verbreitete, aber falsche Annahme, dass die Risiken von E-Zigaretten und Tabakzigaretten vergleichbar seien. Medienberichte über Lungenschäden (wie die EVALI-Krise in den USA, die durch illegale THC-Liquids mit Vitamin-E-Acetat verursacht wurde) oder alarmierende Zellkulturstudien haben zur Verunsicherung beigetragen. Doch was zeigen die klinischen Studien am Menschen, insbesondere solche, die den Langzeitgebrauch untersuchen?
Eine der wichtigsten Langzeitstudien wurde von einem Team um den renommierten Forscher Prof. Dr. Riccardo Polosa an der Universität Catania durchgeführt. Über einen Zeitraum von 3,5 Jahren untersuchten sie eine Gruppe junger, nie rauchender Erwachsener, die täglich E-Zigaretten nutzten. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Selbst nach dieser langen Zeit fanden die Forscher keinerlei Anzeichen für Lungenschäden oder Entzündungen. Die Langzeitstudie der Universität Catania ergab keine pathologischen Veränderungen nach 3,5 Jahren Dauernutzung. Dieser Befund aus einer klinischen Studie am Menschen steht in starkem Kontrast zu den oft zitierten Laborstudien, bei denen Zellen unrealistisch hohen Dosen von Dampf ausgesetzt werden.
Prof. Polosa selbst fasst die Ergebnisse seiner wegweisenden Forschung in einem Interview prägnant zusammen und liefert damit eine starke wissenschaftliche Entgegnung auf die Behauptung gleichartiger Schädlichkeit:
In einer kleinen Gruppe von jungen, erwachsenen, nierauchenden, täglichen Nutzern von E-Zigaretten, die sehr sorgfältig für etwa 3,5 Jahre begleitet wurden, fanden wir keinerlei Verminderung des Lungenvolumens, Entwicklung von Atemwegssymptomen, Veränderungen der Marker für eine Entzündung der Lunge in der ausgeatmeten Luft oder Anzeichen von frühen Lungenschäden im CT Scan.
– Prof. Dr. Riccardo Polosa, Health impact of E-cigarettes
Diese und ähnliche Studien belegen, dass die Behauptung einer vergleichbaren Schädlichkeit wissenschaftlich nicht haltbar ist. Der Unterschied im Risikoprofil ist nicht graduell, sondern fundamental und um Größenordnungen verschieden.
Wie sich 7000 Chemikalien in Tabakrauch vs. unter 20 in Dampf verhalten?
Nachdem wir den fundamentalen Unterschied durch die Temperatur geklärt haben, lohnt sich ein genauerer Blick auf die *Art* der Chemikalien. Es ist nicht nur eine Frage der Quantität, sondern vor allem der Qualität und der toxikologischen Relevanz. Tabakrauch ist ein bekanntermaßen tödlicher Cocktail, der über 90 von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) klassifizierte Karzinogene enthält. Dazu gehören Stoffe wie Benzol, Formaldehyd, Arsen und tabakspezifische Nitrosamine (TSNA). Der wichtigste Schadstoff ist jedoch der Teer, ein klebriges, harziges Gemisch aus Tausenden von Chemikalien, das sich in der Lunge ablagert und die Hauptursache für Lungenkrebs ist.
Im E-Zigaretten-Aerosol ist die Zusammensetzung dramatisch einfacher und sauberer. Die Hauptbestandteile sind Propylenglykol (PG) und pflanzliches Glyzerin (VG), die beide in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie seit Jahrzehnten als sicher gelten (z.B. in Nebelmaschinen oder Asthmainhalatoren). Dazu kommen Nikotin in pharmazeutischer Qualität und Lebensmittelaromen. Zwar können auch im Dampf bei sehr hohen Temperaturen Spuren von Schadstoffen wie Formaldehyd oder Acrolein entstehen (sogenannte Carbonyle), doch zahlreiche Studien zeigen, dass deren Konzentration bei normalem Gebrauch um 9 bis 450 Mal niedriger ist als im Tabakrauch. Entscheidend ist: Teer und Kohlenmonoxid, die beiden Hauptkiller im Tabakrauch, sind im E-Zigaretten-Dampf nicht vorhanden.
Das toxikologische Prinzip „Die Dosis macht das Gift“ ist hier von zentraler Bedeutung. Während Tabakrauch eine massive und dauerhafte Exposition gegenüber einem breiten Spektrum hochgiftiger und krebserregender Stoffe darstellt, ist die Exposition durch E-Zigaretten-Dampf auf wenige, in deutlich geringeren Konzentrationen vorhandene Stoffe beschränkt. Dies ist die wissenschaftliche Essenz hinter der Aussage der massiven Schadensreduktion.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Kernunterschied liegt im Prozess: Tabak verbrennt bei ~1100°C und erzeugt Tausende Giftstoffe; E-Zigaretten verdampfen Flüssigkeit bei ~300°C und vermeiden so die gefährlichsten Verbrennungsprodukte.
- Die Wissenschaft bestätigt: E-Zigaretten sind laut umfassenden Reviews (z.B. Cochrane) eine signifikant effektivere Methode zur Raucherentwöhnung als traditionelle Nikotinersatzprodukte.
- Das Ziel für Raucher ist Schadensminderung (Harm Reduction): Der Umstieg eliminiert den größten Feind der Gesundheit – den Teer und das Kohlenmonoxid aus dem Rauch – auch wenn die Nikotinabhängigkeit bestehen bleibt.
Wie Sie in 30 Tagen sanft von Zigaretten auf E-Zigarette umsteigen: Der Phasenplan?
Ein erfolgreicher Umstieg ist keine Frage des Zufalls, sondern der richtigen Vorbereitung und Strategie. Die wissenschaftliche Evidenz ist auf Ihrer Seite: Eine wegweisende Studie im New England Journal of Medicine zeigte, dass Raucher, die E-Zigaretten nutzten, eine fast doppelte Erfolgsrate beim Rauchstopp hatten im Vergleich zu Nutzern anderer Nikotinersatzmethoden. Um diese hohe Erfolgschance für sich zu nutzen, ist ein strukturierter Ansatz hilfreich. Der folgende Plan führt Sie durch die wichtigsten praktischen Schritte, die speziell auf die Gegebenheiten in Deutschland zugeschnitten sind.
Der Schlüssel liegt darin, den Prozess nicht als radikalen Bruch, sondern als sanften Übergang zu sehen. Erlauben Sie sich eine Anpassungsphase, in der Sie das richtige Gerät, das passende Liquid und die für Sie optimale Nikotinstärke finden. Geduld und die richtige Information sind Ihre wichtigsten Verbündeten auf diesem Weg. Denken Sie daran: Jeder Tag ohne Tabakrauch ist ein signifikanter Gewinn für Ihre Gesundheit.
Ihr Fahrplan für den Umstieg: Die wichtigsten Schritte in Deutschland
- Gerätetyp wählen: Beginnen Sie mit einem einfachen Modell. Zur Auswahl stehen Einweg-E-Zigaretten (ca. 600 Züge), Pod-Systeme mit austauschbaren Kartuschen oder nachfüllbare Tank-Modelle. Pod-Systeme bieten oft den besten Kompromiss aus Einfachheit und Leistung für den Anfang.
- Nikotinstärke anpassen: Dies ist der kritischste Punkt. Wählen Sie die Nikotinstärke basierend auf Ihrem bisherigen Konsum. Starke Raucher (20+ Zigaretten/Tag) sollten mit 18-20 mg/ml starten, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Die in der EU erlaubte Höchstgrenze liegt bei 20 mg/ml.
- Gesetzliche Rahmenbedingungen kennen: Beachten Sie die TPD2-Beschränkungen in Deutschland. E-Liquids dürfen nur in maximal 10ml-Flaschen verkauft werden, und das Tankvolumen von Geräten ist auf 2ml begrenzt.
- Dual-Use-Phase akzeptieren: Erwarten Sie nicht, von Tag 1 an rauchfrei zu sein. Ersetzen Sie schrittweise einzelne Zigaretten durch die E-Zigarette, z.B. die nach dem Essen oder zum Morgenkaffee. Setzen Sie sich kleine, erreichbare Ziele.
- Korrekte Entsorgung sicherstellen: Handeln Sie verantwortungsbewusst. Leere Einweg-E-Zigaretten und alte Akkus sind Elektroschrott und müssen gemäß dem deutschen Batteriegesetz bei kommunalen Sammelstellen oder im Handel zurückgegeben werden.
Dieser strukturierte Ansatz hilft, die häufigsten Fehler beim Umstieg zu vermeiden und maximiert Ihre Chancen, dauerhaft vom Tabakrauch loszukommen. Der informierte Entschluss ist der erste und wichtigste Schritt.
Bewerten Sie die hier dargelegte wissenschaftliche Evidenz und treffen Sie die Entscheidung, die für Ihre Gesundheit und Lebensqualität die richtige ist. Der Weg weg vom Tabak ist der entscheidende, und die Wissenschaft zeigt, dass die E-Zigarette für viele Raucher der effektivste Pfad auf diesem Weg sein kann.