
Die entscheidende Erkenntnis: Sport ist kein bloßer Zeitvertreib, um mit dem Rauchen aufzuhören, sondern ein direkter neurochemischer Ersatz, der das Belohnungssystem des Gehirns auf die gleiche Weise wie Nikotin stimuliert.
- Regelmäßige Bewegung löst die Ausschüttung von Dopamin aus und kompensiert so das durch den Nikotinentzug verursachte chemische Defizit im Gehirn.
- Für langjährige Raucher existiert in Deutschland ein sicherer, ärztlich begleiteter Weg zum Sport, der sogar von Krankenkassen unterstützt wird.
Empfehlung: Beginnen Sie nicht allein. Der erste und wichtigste Schritt ist ein Gespräch mit Ihrem Hausarzt, um Ihre Sporttauglichkeit professionell bewerten zu lassen, bevor Sie ein Trainingsprogramm starten.
Der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, ist gefasst. Die ersten Tage sind überstanden, doch etwas fehlt. Es ist nicht nur die Gewohnheit, die Zigarette in der Hand zu halten, sondern ein tieferes, fast körperliches Verlangen – das Gefühl der Belohnung, der kurzen Entspannung, das die Nikotindosis dem Gehirn verschaffte. Viele Ratgeber empfehlen, sich mit Sport abzulenken. Doch dieser Ratschlag greift zu kurz und ignoriert die eigentliche Ursache des Verlangens: die Neurochemie.
Die landläufige Meinung reduziert Sport auf eine reine Ablenkungsstrategie oder einen allgemeinen Gesundheitsbonus. Man spricht vage von Endorphinen und dem „Runner’s High“. Aber was, wenn die Verbindung viel direkter und wirkungsvoller ist? Was, wenn gezielte körperliche Aktivität nicht nur eine Alternative, sondern ein präziser, neurochemischer Ersatz für die Wirkung von Nikotin ist? Dieser Ansatz geht über die reine Ablenkung hinaus und zielt darauf ab, das Belohnungssystem des Gehirns bewusst neu zu programmieren.
Dieser Artikel erklärt aus sportmedizinischer Sicht, wie Sie diesen Mechanismus gezielt für sich nutzen können. Wir werden die wissenschaftlichen Grundlagen des Dopamin-„Hijackings“ durch Sport entschlüsseln, einen sicheren und in Deutschland ärztlich begleiteten Einstieg für Ex-Raucher aufzeigen, die effektivsten Sportarten vergleichen und strategische Zeitpunkte für Ihr Training identifizieren, um das Rauchverlangen gezielt zu unterbinden. Es geht darum, dem Gehirn eine neue, gesunde Quelle für das zu geben, wonach es sich sehnt: seine wohlverdiente Belohnung.
Um diesen Prozess von der Theorie in die Praxis umzusetzen, gliedert sich der Artikel in klare, aufeinander aufbauende Schritte. Der folgende Leitfaden begleitet Sie von den neurochemischen Grundlagen bis hin zu konkreten, alltagstauglichen Strategien für Ihren Weg in ein rauchfreies Leben.
Inhaltsverzeichnis: Wie Sie Sport als neurochemischen Ersatz für Nikotin nutzen
- Warum 30 Minuten Joggen die gleiche Dopaminausschüttung wie 5 Zigaretten auslöst
- Wie Sie als langjähriger Raucher mit beschädigter Lunge ein Sportprogramm starten
- Ausdauersport vs. Krafttraining: Was reduziert Rauchverlangen wissenschaftlich effektiver?
- Der Fehler, nach 20 Jahren Rauchen sofort mit HIIT-Training zu starten: Die Risiken
- Wann trainieren: Morgens, mittags oder abends für maximale Anti-Rauchverlangen-Wirkung?
- Wie Sie als langjähriger Raucher mit beschädigter Lunge ein Sportprogramm starten
- Ausdauersport vs. Krafttraining: Was reduziert Rauchverlangen wissenschaftlich effektiver?
- Wie Sie durch 5 Mind-Body-Praktiken das Gleichgewicht nach Rauchstopp finden
Warum 30 Minuten Joggen die gleiche Dopaminausschüttung wie 5 Zigaretten auslöst
Um zu verstehen, warum Sport so wirksam ist, müssen wir verstehen, was Nikotin im Gehirn anrichtet. Jede Zigarette löst eine unnatürlich schnelle und hohe Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin aus – dem zentralen Molekül unseres Belohnungssystems. Das Gehirn lernt schnell: „Nikotin = Belohnung“. Langfristig passt es sich an diese künstliche Flut an, indem es die eigene, natürliche Dopaminproduktion drosselt. Eine Studie der Universität zu Lübeck bestätigt, dass es eine um 15-20% reduzierte Dopaminproduktion bei Rauchern gibt. Beim Rauchstopp entsteht so ein echtes neurochemisches Defizit, das zu schlechter Stimmung, Reizbarkeit und dem intensiven Verlangen führt.
Hier kommt der Sport ins Spiel. Körperliche Betätigung, insbesondere Ausdauersport wie Joggen, stimuliert das Gehirn, auf natürliche Weise Dopamin freizusetzen. Dieser Prozess ist langsamer und nachhaltiger als der Nikotin-„Kick“, aber er zielt auf dasselbe System ab. Bereits nach etwa 20 Minuten moderater Bewegung beginnt die Dopaminausschüttung spürbar anzusteigen. Ein 30-minütiger Lauf kann so das Belohnungszentrum ausreichend stimulieren, um das durch den Entzug entstandene „Dopamin-Loch“ für mehrere Stunden zu füllen. Man spricht hier von einem gezielten Belohnungssystem-Hijacking: Sie ersetzen bewusst einen schädlichen Stimulus (Nikotin) durch einen gesunden (Bewegung), um das gleiche biochemische Ziel zu erreichen.
Diese Erkenntnis ist entscheidend: Sie bekämpfen nicht nur eine „schlechte Angewohnheit“, sondern Sie versorgen Ihr Gehirn aktiv mit der Substanz, die ihm fehlt. Die Normalisierung der körpereigenen Dopaminfunktion kann nach einem Rauchstopp bis zu drei Monate dauern. Wie Dr. John Krystal in der Fachzeitschrift *Biological Psychiatry* anmerkt, ist dies eine besonders verletzliche Zeit. Sport dient in dieser Phase als entscheidende Brücke, um die Dopaminspiegel zu stabilisieren und Rückfälle zu verhindern.
Wie Sie als langjähriger Raucher mit beschädigter Lunge ein Sportprogramm starten
Die größte Hürde für viele Ex-Raucher ist die Angst vor der körperlichen Anstrengung, insbesondere die Sorge um die eigene Lungenfunktion. Der Gedanke an schnelles Atmen oder Kurzatmigkeit kann entmutigend sein. Doch gerade hier bietet das deutsche Gesundheitssystem eine hervorragende und sichere Unterstützung. Der Schlüssel liegt darin, nicht allein und überstürzt zu beginnen, sondern einen strukturierten, ärztlich begleiteten Weg einzuschlagen. Dieser Weg schützt nicht nur vor Überlastung, sondern wird in vielen Fällen sogar von den Krankenkassen finanziell gefördert.
Für Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen wie COPD oder Asthma, die oft eine Folge langjährigen Rauchens sind, gibt es spezielle Programme. Wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet, können Krankenkassen die Kosten für bis zu 120 Übungseinheiten ambulanten Lungensports über einen Zeitraum von 36 Monaten übernehmen. Diese Gruppen werden von speziell geschulten Therapeuten geleitet und sind genau auf die Bedürfnisse von Menschen mit eingeschränkter Lungenfunktion zugeschnitten. Hier lernen Sie, Ihre Atmung zu kontrollieren, Ihre Belastbarkeit langsam zu steigern und wieder Vertrauen in Ihren Körper zu fassen.
Der Prozess, um an solchen Programmen teilzunehmen oder einfach nur eine allgemeine Sporttauglichkeit feststellen zu lassen, ist in Deutschland klar geregelt. Es ist ein strukturierter Weg, der Ihre Gesundheit in den Vordergrund stellt und Ihnen die Sicherheit gibt, die Sie für den Start benötigen.
Ihr Fahrplan zur Sporttauglichkeit in Deutschland
- Termin beim Hausarzt: Besprechen Sie Ihr Vorhaben und lassen Sie sich eine Überweisung zum Lungenfacharzt (Pneumologen) ausstellen.
- Lungenfunktionstest (Spirometrie): Der Pneumologe misst objektiv die Leistungsfähigkeit Ihrer Lunge und kann den Grad einer eventuellen Schädigung feststellen.
- Belastungs-EKG: Dieser Test klärt ab, wie Ihr Herz-Kreislauf-System auf Anstrengung reagiert, und deckt mögliche Risiken auf.
- Antrag auf Kostenübernahme (Formular 56): Wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht, kann Ihr Arzt das „Formular 56“ für Rehabilitationssport ausfüllen, das Sie bei Ihrer Krankenkasse einreichen.
- Lungensportgruppe finden: Mit der ärztlichen Verordnung können Sie sich bei einer qualifizierten Lungensportgruppe in Ihrer Nähe anmelden, oft zu finden über Portale wie lungensport.org.
Ausdauersport vs. Krafttraining: Was reduziert Rauchverlangen wissenschaftlich effektiver?
Wenn die ärztliche Freigabe erteilt ist, stellt sich die Frage: Welcher Sport ist am besten geeignet? Die Antwort lautet: eine kluge Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining, wobei beide unterschiedliche, aber komplementäre Rollen im Kampf gegen das Rauchverlangen spielen. Wissenschaftlich gesehen ist Ausdauersport der Königsweg zur akuten Reduktion des Cravings. Aktivitäten wie zügiges Gehen, Joggen, Radfahren oder Schwimmen haben den direktesten und schnellsten Einfluss auf die Dopaminausschüttung und können ein aufkommendes Rauchverlangen oft innerhalb von Minuten lindern.

Der Grund liegt in der kontinuierlichen, rhythmischen Belastung, die das Belohnungssystem besonders effektiv anregt. Dieser meditative Charakter hilft zudem, den mentalen Fokus vom Verlangen wegzulenken. Krafttraining hingegen wirkt anders. Seine Stärke liegt in den langfristigen metabolischen und psychologischen Effekten. Der Aufbau von Muskelmasse erhöht den Grundumsatz, was der oft befürchteten Gewichtszunahme nach dem Rauchstopp entgegenwirkt. Zudem setzt das Gefühl, physisch stärker zu werden und den eigenen Körper aktiv zu formen, ein starkes psychologisches Signal der Selbstwirksamkeit und Kontrolle – ein direktes Gegengift zum Gefühl des Kontrollverlusts während des Entzugs.
Professor Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln bestätigt den generellen Effekt:
Zahlreiche Studien belegen den stimmungsaufhellenden Effekt von Sport. Es stimmt, dass Sport Menschen glücklich machen kann und dass dies zum Teil an den ‚Glückshormonen‘ liegt.
– Professor Jens Kleinert, Deutsche Sporthochschule Köln
Eine ideale Strategie kombiniert also beides: 2-3 Einheiten Ausdauertraining pro Woche, um das Dopaminlevel hoch und das akute Verlangen niedrig zu halten, ergänzt durch 1-2 Einheiten Krafttraining, um den Stoffwechsel anzukurbeln und das mentale Durchhaltevermögen zu stärken.
Der Fehler, nach 20 Jahren Rauchen sofort mit HIIT-Training zu starten: Die Risiken
In der Welt des Fitness-Marketings wird hochintensives Intervalltraining (HIIT) oft als die ultimative Lösung für schnelle Ergebnisse angepriesen. Für einen Ex-Raucher, dessen Körper sich in einer heiklen Anpassungsphase befindet, kann dieser Ansatz jedoch nicht nur kontraproduktiv, sondern sogar gefährlich sein. Der häufigste Fehler ist die Überschätzung der eigenen Belastbarkeit, angetrieben von dem Wunsch, die verlorenen Jahre schnell aufzuholen. Dies ignoriert zwei wesentliche Risiken: die kardiovaskuläre Überlastung und den oxidativen Stress.
Langjähriges Rauchen schädigt nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz-Kreislauf-System. Die Blutgefäße sind oft weniger elastisch und das Herz ist es nicht gewohnt, abrupte Belastungsspitzen zu bewältigen. Ein plötzlicher Start mit HIIT kann zu extremen Blutdruckspitzen und Herzrhythmusstörungen führen. Die AG Lungensport in Deutschland e.V. gibt klare Richtlinien für einen sicheren Trainingseinstieg vor. Eine Mindestbelastbarkeit von 25 Watt über 3 Minuten auf einem Ergometer oder die Fähigkeit, 200 Meter in 6 Minuten zu gehen, gelten als untere Grenze für die Teilnahme an Lungensportgruppen. HIIT-Training liegt weit jenseits dieser Einstiegsschwelle.
Zudem verschärft ein zu intensives Training das Problem des oxidativen Stresses. Zigarettenrauch überschwemmt den Körper mit freien Radikalen, die die Zellen angreifen. Wie die Deutsche Hirnstiftung erklärt, setzt dies die Nervenzellen unter enormen Stress. Intensive sportliche Betätigung erzeugt ebenfalls kurzfristig oxidativen Stress. Für einen gesunden Körper ist das ein Trainingsreiz, für einen durch jahrelanges Rauchen bereits vorbelasteten Körper kann es die Regenerationsfähigkeit komplett überfordern und das Immunsystem weiter schwächen. Anstatt sich besser zu fühlen, fühlt man sich ausgelaugt, krank und ist anfälliger für Infekte – was die Motivation zunichtemacht und das Rückfallrisiko erhöht.
Wann trainieren: Morgens, mittags oder abends für maximale Anti-Rauchverlangen-Wirkung?
Neben der Art des Sports ist auch das Timing ein mächtiges Werkzeug. Indem Sie Ihre Sporteinheiten strategisch planen, können Sie die typischen „Zigaretten-Momente“ des Tages proaktiv entschärfen. Es geht darum, das alte, schädliche Ritual (z. B. die Zigarette nach dem Essen) durch ein neues, gesundes Ritual (z. B. einen zügigen Spaziergang) zu ersetzen. Dieser Prozess wird als Reiz-Reaktions-Kopplung bezeichnet: Sie trainieren Ihr Gehirn, auf einen bestimmten Auslöser (Stress, Müdigkeit, Mahlzeit) nicht mehr mit dem Griff zur Zigarette, sondern mit dem Impuls zur Bewegung zu reagieren.

Jede Tageszeit bietet spezifische Vorteile, um eine bestimmte „Risiko-Zigarette“ zu ersetzen. Ihre persönliche Routine und die Momente, in denen das Verlangen am stärksten ist, sollten Ihre Planung leiten. Eine vergleichende Analyse von Trainingszeiten zeigt klare Muster, die Sie für sich nutzen können.
| Tageszeit | Vorteile | Ersetzt typische Zigarette |
|---|---|---|
| Morgens (6-8 Uhr) | Stabilisiert den Dopaminspiegel für den Tag, schafft ein Gefühl von Erfolg und Kontrolle von Beginn an. | Die erste Zigarette des Tages, die „Wachmacher“-Zigarette zum Kaffee. |
| Mittags (12-14 Uhr) | Bekämpft das Mittagstief, baut Arbeitsstress ab und verhindert Heißhungerattacken am Nachmittag. | Die Zigarette nach dem Mittagessen oder in der Kaffeepause. |
| Abends (17-19 Uhr) | Baut den Stress des Arbeitstages ab, schafft eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Fördert die Serotonin-Ausschüttung, was den Schlaf verbessert. | Die „Feierabendzigarette“ zur Belohnung oder zur Entspannung. |
Experimentieren Sie, welche Zeit für Sie am besten funktioniert. Ein kurzes, 15-minütiges Training zur richtigen Zeit kann wirksamer sein als eine einstündige Einheit, die nicht auf Ihr persönliches Verlangensmuster abgestimmt ist. Das Ziel ist es, dem Gehirn eine zuverlässige Alternative anzubieten, genau dann, wenn es am lautesten nach der alten Belohnung schreit.
Wie Sie als langjähriger Raucher mit beschädigter Lunge ein Sportprogramm starten
Über die rein physische und medizinische Vorbereitung hinaus ist der mentale Aspekt des Sportbeginns ebenso entscheidend. Nach Jahren oder Jahrzehnten des Rauchens ist das Vertrauen in den eigenen Körper oft erschüttert. Die Angst vor dem Scheitern, vor dem Gefühl des Versagens, wenn man nach wenigen Metern außer Atem ist, kann eine lähmende Blockade darstellen. Genau hier müssen Sie ansetzen: mit radikaler Selbstakzeptanz und der Neudefinition von Erfolg. Erfolg ist nicht, sofort 5 Kilometer zu laufen. Erfolg ist, die Sportschuhe anzuziehen und 10 Minuten spazieren zu gehen.
Der psychologische Trick besteht darin, den Fokus von der Leistung auf den Prozess zu verlagern. Feiern Sie nicht das Ergebnis, sondern die Handlung. Jeder Spaziergang, jede Treppe, die Sie statt des Aufzugs nehmen, ist eine bewusste Entscheidung gegen die alte Gewohnheit und für Ihre neue Identität als Nichtraucher. Diese kleinen, konsequenten Handlungen bauen neues Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit auf. Sie beweisen Ihrem Gehirn immer wieder, dass Sie die Kontrolle haben und nicht mehr von der Sucht gesteuert werden.
Ein weiterer wichtiger mentaler Schritt ist der Umgang mit Atemnot. Für einen Ex-Raucher fühlt sich Kurzatmigkeit oft bedrohlich an und wird direkt mit der Lungenschädigung assoziiert. Es ist essenziell zu lernen, zwischen einer ungesunden, krankheitsbedingten Atemnot und einer normalen, anstrengungsbedingten Kurzatmigkeit zu unterscheiden. Hier helfen qualifizierte Trainer oder Lungensportgruppen, die Ihnen beibringen, Ihre Atmung zu kontrollieren (z. B. durch die Lippenbremse) und die Signale Ihres Körpers richtig zu deuten. So verwandelt sich die Angst vor dem Atmen in die Fähigkeit, die Atmung als Werkzeug zu nutzen.
Ausdauersport vs. Krafttraining: Was reduziert Rauchverlangen wissenschaftlich effektiver?
Während die akute Wirkung von Ausdauersport auf das Rauchverlangen unbestritten ist, sollten die tiefgreifenden, langfristigen Vorteile von Krafttraining nicht unterschätzt werden. Sie gehen weit über den reinen Muskelaufbau hinaus und betreffen die Struktur und Funktion des Gehirns selbst. Krafttraining, insbesondere wenn es um das Erlernen neuer, komplexer Bewegungsabläufe geht (wie bei Kniebeugen oder Kreuzheben), fördert die sogenannte Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu vernetzen und anzupassen.
Durch den Rauchstopp und den Beginn eines neuen, gesunden Lebenswandels fordern Sie Ihr Gehirn heraus, alte Verhaltensmuster und neuronale Bahnen (z.B. „Stress -> Rauchen“) aufzubrechen. Krafttraining unterstützt diesen Prozess aktiv. Jede erfolgreich bewältigte Wiederholung, jede kleine Steigerung des Gewichts stärkt nicht nur Ihre Muskeln, sondern auch die neuen neuronalen Verbindungen, die mit Selbstkontrolle, Disziplin und Durchhaltevermögen assoziiert sind. Sie bauen sozusagen das „Muskelgewebe“ Ihres Willens auf.
Darüber hinaus hat Krafttraining einen starken Einfluss auf die Körperzusammensetzung. Die gefürchtete Gewichtszunahme nach dem Rauchstopp ist oft eine Folge eines verlangsamten Stoffwechsels und eines erhöhten Appetits. Muskeln sind metabolisch aktiv, das heißt, sie verbrennen auch in Ruhe Energie. Durch den Aufbau von Muskelmasse erhöhen Sie Ihren Grundumsatz und schaffen so einen Puffer gegen eine mögliche Gewichtszunahme. Dies hat einen enormen psychologischen Effekt: Sie sehen nicht nur, dass Sie stärker werden, sondern behalten auch die Kontrolle über Ihr Körpergewicht, was das Gefühl der allgemeinen Selbstwirksamkeit massiv steigert und die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls aus Frustration verringert.
Das Wichtigste in Kürze
- Sport ist keine Ablenkung, sondern ein neurochemischer Ersatz für Nikotin, der das Dopamin-Defizit im Gehirn ausgleicht.
- Der Einstieg für Ex-Raucher in Deutschland sollte schrittweise und idealerweise nach ärztlicher Abklärung erfolgen; spezielle Lungensportgruppen werden von Krankenkassen unterstützt.
- Eine Kombination aus Ausdauersport (zur akuten Linderung des Rauchverlangens) und Krafttraining (für langfristige metabolische und mentale Stärke) ist am effektivsten.
Wie Sie durch 5 Mind-Body-Praktiken das Gleichgewicht nach Rauchstopp finden
Körperliche Aktivität ist das Fundament, doch um ein wirklich stabiles, rauchfreies Leben aufzubauen, ist die Integration von mentalen Praktiken der entscheidende nächste Schritt. Diese sogenannten Mind-Body-Techniken helfen, das Nervensystem zu beruhigen, die Stresstoleranz zu erhöhen und die neu gewonnene körperliche Fitness mit mentaler Ausgeglichenheit zu verbinden. Viele dieser Kurse sind in Deutschland als Präventionsmaßnahmen anerkannt, sodass die Krankenkassen nach § 20 SGB V oft 80-100% der Kosten für zertifizierte Kurse erstatten.
Diese Praktiken sind keine esoterischen Übungen, sondern wissenschaftlich fundierte Methoden zur Selbstregulation. Sie lehren Sie, auf die Signale Ihres Körpers zu hören und aktiv auf Stress oder aufkommendes Verlangen zu reagieren, anstatt passiv davon überwältigt zu werden. Sie sind das perfekte Komplement zum körperlichen Training.
- Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: Bei dieser Technik werden einzelne Muskelgruppen bewusst an- und wieder entspannt. Dies senkt nachweislich den Cortisolspiegel (Stresshormon) und kann als „Notfall-Technik“ bei akutem Rauchverlangen eingesetzt werden, um körperliche Anspannung sofort zu lösen.
- Yoga: Yoga kombiniert körperliche Haltungen (Asanas) mit gezielten Atemtechniken (Pranayama). Es verbessert nicht nur die Flexibilität, sondern schult auch die Atemkontrolle – eine Fähigkeit, die für Ex-Raucher besonders wertvoll ist, um Lungenfunktion und Körperbewusstsein zu verbessern.
- Autogenes Training: Durch formelhafte Suggestionen (z.B. „Mein Arm ist ganz schwer“) wird ein Zustand tiefer mentaler Entspannung erreicht. Es fördert die Selbstregulation und hilft, das vegetative Nervensystem aus dem Stressmodus in den Ruhemodus zu schalten.
- Tai-Chi: Diese chinesische Bewegungskunst verbindet langsame, fließende Bewegungen mit Atemtechniken und Meditation. Aufgrund der geringen Belastung ist sie besonders für Einsteiger und Menschen mit Lungenproblemen geeignet, um Koordination und innere Ruhe zu fördern.
- Achtsamkeitsmeditation: Hierbei wird gelernt, Gedanken und Gefühle (wie Rauchverlangen) ohne Urteil zu beobachten und vorüberziehen zu lassen. Spezielle Programme zum Thema Sucht, die oft über Apps wie 7Mind oder Headspace angeboten werden, können eine große Hilfe sein, um die Kontrolle über automatische Reaktionen zurückzugewinnen.
Indem Sie Ihren Körper durch Sport und Ihren Geist durch Achtsamkeit stärken, schaffen Sie ein robustes System, das nicht mehr auf externe Stimulanzien wie Nikotin angewiesen ist. Der nächste logische Schritt ist, diesen ganzheitlichen Ansatz in die Tat umzusetzen, beginnend mit dem grundlegenden Check-up bei Ihrem Arzt.
Fragen und Antworten zum Thema Sport und Rauchstopp
Wie lange dauert es, bis Sport gegen das Rauchverlangen wirkt?
Die akute, verlangensmindernde Wirkung von Sport setzt schnell ein. Schon nach 15-20 Minuten moderater Bewegung wie zügigem Gehen oder Radfahren beginnt die Dopaminausschüttung, die das Rauchverlangen spürbar reduzieren kann. Für eine langfristige Stabilisierung des körpereigenen Dopaminsystems, das durch das Rauchen gestört wurde, sollte man jedoch mit einem Zeitraum von etwa drei Monaten rechnen.
Kann ich trotz geschädigter Lunge nach langem Rauchen Sport treiben?
Ja, absolut. Es ist sogar sehr empfehlenswert. Der Schlüssel ist ein sicherer und langsamer Einstieg. Konsultieren Sie unbedingt Ihren Hausarzt und einen Lungenfacharzt für einen Lungenfunktionstest und ein Belastungs-EKG. In Deutschland gibt es spezielle, von Krankenkassen geförderte Lungensportgruppen, die ein perfekt angepasstes und sicheres Training unter professioneller Anleitung ermöglichen.
Macht Sport wirklich genauso „glücklich“ wie eine Zigarette?
Neurochemisch gesehen ja, aber auf eine andere Weise. Nikotin bewirkt einen schnellen, intensiven, aber kurzen Dopamin-Kick. Sport führt zu einer langsameren, aber nachhaltigeren Ausschüttung von Dopamin, Endorphinen und Serotonin. Das Gefühl ist weniger ein „Kick“ als ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit, Energie und mentaler Klarheit, das zudem viel länger anhält und keine negativen Nebenwirkungen hat.